„Wie überall auf der Welt brachte das Corona-Virus auch in Tirana das alltägliche Leben der Kinder komplett durcheinander und beeinflusst seitdem deren Zugang zu wichtigen Angeboten von unserem Projekt. Der Lockdown führte dazu, dass Menschen die Quarantäne, je nach Lebenssituation, zuhause, in einem Heim oder in prekären Unterkünften verbringen mussten. Insbesondere Menschen, deren Existenz eng mit dem Arbeiten und dem Leben auf der Straße verbunden war, wurden von diesen Maßnahmen besonders getroffen. Insgesamt kann man sagen, dass die Quarantäne und die eingeschränkte Mobilität die gesamte Sicherheitslage für die Bevölkerungsgruppen, die sich bereits vor COVID-19 in einer schwierigen Situation befanden, vergrößert hat. Eltern und Betreuer*innen aus unserem Projekt stehen nun vor der enormen Herausforderung, sich einerseits um ihre Kinder zu kümmern und andererseits zu versuchen, finanziell über die Runden zu kommen. Darüber hinaus wirkt sich die aktuelle Situation und die ungewisse Zukunft auf die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden aller aus und vergrößert so die bereits bestehenden Risiken für die Jugendlichen.

Kinder, die Betroffene oder Zeugen häuslicher Gewalt sind, befinden sich jetzt in einer noch gefährlicheren Situation: Sie sind möglicherweise zusammen mit den Täter*innen in Quarantäne eingesperrt und, selbst wenn es ihnen gelingt, Hilfe zu suchen, ist das Kinderschutzsystem aktuell unvorbereitet und unfähig, um auf ihre Bedürfnisse zu reagieren.

Darüber hinaus kommt die Pandemie nur wenige Monate nach dem schweren Erdbeben am 26. November 2019 in Albanien, bei dem 51 Menschen gestorben sind. Darüber hinaus müssen seitdem rund 10.000 Menschen in Notunterkünften leben, da sie ihre Wohnungen verloren haben.

Dies führt dazu, dass das Sozial- und Kinderschutzsystem schon seit einiger Zeit enorm überlastet, unterfinanziert und unterbesetzt ist. Besonders schutzbedürftigen Kindern sind davon betroffen. Hinzu kommt das Fehlen von Strukturen und Arbeitskapazitäten in Notsituationen, sowie die verringerte Unterstützung von nichtstaatlichen Akteuren.“

 

So berichtet Ana Majko, die Leiterin des Projekts „Straßenkindern eine Chance“ von der albanischen Organisation ARSIS über die aktuelle Lage in Albanien zu Zeiten der Corona-Krise. Im nächsten Teil berichtet Ana, was die aktuelle Situation für die Projektarbeit bedeutet. Seid gespannt!

 

Wer ist Arsis? Die Organisation ARSIS betreibt seit 2011 mit Unterstützung von Schüler Helfen Leben das Zentrum „House of Colors“ (auf deutsch “Haus der Farben”) in Tirana/Albanien, das mit einem multidisziplinären Team von Sozialarbeiter*innen täglich Kinder, Jugendliche und ihre Familien in prekären Situationen (Straßenleben, extreme Armut, Betroffene von Missbrauch, Menschenhandel) unterstützt. Betreuer*innen, Krankenpfleger*innen, Lehrer*innen, Psychologen*innen und Soziala rbeiter*innen arbeiten eng mit dem Team zusammen, um in vielen unterschiedlichen Bereichen zu unterstützen; unter anderem (non-formale) Bildung, Hygiene, Ernährung, Rechtshilfe, administrative Unterstützung und psychologische Beratung.