„Jeden Morgen hier in Amman (Jordanien) aufzuwachen, ist eine surreale Erfahrung. Die Sonne scheint hell durch mein Fenster, es ist friedlich und still. Ein lautes Vogelgezwitscher bringt mich dann wieder zurück und erinnert mich mit einem einengenden Gefühl in meiner Brust daran, dass die Welt jetzt ein anderer Ort ist. Um die Ausbreitung von COVID-19 zu bekämpfen, waren wir vom 21. bis 25. März im ganzen Land komplett abgeriegelt worden. Glücklicherweise wurde am 25. März das totale Verbot des Verlassens von Wohnungen gelockert und die Menschen dürfen wieder hinausgehen, um Zugang zu den Märkten in der Nachbarschaft zu erhalten. Während den vier langen Tagen gab es jedoch überhaupt keine Möglichkeit das Haus zu verlassen. Wir kennen vielen Familien, die kaum Lebensmittel zum Leben haben, geschweige denn Geld, um Lebensmittel zu kaufen, wenn die Märkte wieder öffnen.

 

Die Tendenz sich um die eigene Familie zu kümmern, ist für mich und meine Kolleg*innen vom Collateral Repair Project (CRP) mit der dringenden Notwendigkeit verbunden, unsere Anstrengungen zu verstärken, um unserer Gemeinschaft – den vielen geflüchteten und gefährdeten Menschen in Ost-Amman – zu helfen. Seit 2006 hat CRP mehr als 4.000 der am stärksten gefährdeten Familien in Amman durch ein Nothilfeprogramm und zwei Gemeindezentren unterstützt, die eine Vielzahl von Aktivitäten anbieten. In denen können Menschen zum Beispiel neue Fähigkeiten erlernen, soziale Kontakte aufbauen und sich von Traumata erholen. Wir haben über 40 Mitarbeiter*innen und 55 Freiwillige, Praktikant*innen und Gemeindeleiter*innen.

 

Es war nicht leicht, angesichts der strengen Bewegungseinschränkungen, viel zu tun. Wir waren besonders beunruhigt als die Richtlinie über die totale Ausgangssperre einige Tage vor unserer geplanten Verteilung von Lebensmittelgutscheinen an etwa mehr als 300 sudanesische, somalische, jemenitische und andere Minderheiten beschlossen wurde. Da alle Geschäfte und Banken geschlossen waren, wussten wir, dass die monatlichen Lebensmittelvorräte für Hunderte von Familien fast oder vollständig aufgebraucht sein würden. Diese Befürchtung wurde durch die vielen verängstigten und verzweifelten Telefonanrufe bestätigt, die wir während dieser Zeit erhielten.

 

Im Jahr 2019 versorgte CRP 1.000 Familien monatlich mit Essensgutscheinen, aber im Januar 2020 mussten wir unser Gutscheinprogramm aufgrund fehlender Mittel auf 500 Familien monatlich reduzieren. Familien, die Gutscheine erhalten, holen diese in unseren Zentren ab und verwenden sie dann im Lebensmittelgeschäft in ihrer Nachbarschaft für die Grundnahrungsmittel, die sie den ganzen Monat über benötigen. Die Höhe des Betrags hängt von der Familiengröße ab. Eine durchschnittliche Familie von fünf Personen erhält beispielsweise einen Gutschein im Wert von 56 Dollar. Die meisten Familien, die Gutscheine erhalten, leiden unter Unsicherheit und sind für ihre gesamte Lebensmittelversorgung auf CRP angewiesen. Eine im Jahr 2017 vom CRP durchgeführte Bedarfsanalyse ergab, dass Unterernährung und Ernährungsunsicherheit das größte Problem der sudanesischen und somalischen Gemeinschaften in Amman ist, sodass Nahrungsmittelgutscheine für diese Gruppen besonders lebensnotwendig sind.

 

Wir sind jedoch nicht in der Lage die Gutscheine auszudrucken, während die Büros geschlossen sind. Dank unserer langjährigen Beziehungen zu den lokalen Märkten in Amman konnten wir damit anfangen, anstelle von Gutscheinen monatliche Kredite für besonders bedürftige Familien bereitzustellen, da die Menschen nun von 10 Uhr morgens bis zur täglichen Sirene um 18 Uhr Zugang zu kleine Lebensmittelgeschäften haben. Fast zwei Drittel der Familien konnten mit Lebensmittelgutscheinen zu lokalen Märkten gehen, und diejenigen, die dies nicht tun können, erhalten Lebensmittelpakete von unseren Partnermärkten geliefert.

Diesen Familien zu helfen, ist wie ein kleines Pflaster über die riesigen und zunehmenden Verletzungen, die das Leben als Geflüchteter in Jordanien mit sich bringt. Die COVID-19-Pandemie wird die ohnehin schon sehr prekäre Lage der jordanischen Geflüchteten nur noch verschärfen und nicht nur die Familien, die nicht in der Lage sind, ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen, noch schwieriger machen, sondern auch die Verwundbarkeit anderer, deren Einkommensquelle verschwinden wird, erheblich erhöhen. Unsere größte Sorge gilt jetzt den dringenden Grundbedürfnissen und dem Schutz der Familie, da Familien, die auf engem Raum unter Druck stehen, anfällig für zunehmende Gewalt gegen Frauen und Kinder sind.

 

Das Collateral Repair Project arbeitet zusammen mit anderen internationalen Nichtregierungsorganisationen (NGOs), um wieder in die Nothilfearbeit einzusteigen. Als sich die syrische Geflüchtetenkrise in den letzten Jahren zu einer Dauersituation entwickelte, wandten sich Länder auf der ganzen Welt völlig von der Finanzierung von Hilfsmaßnahmen für geflüchtete Menschen in Jordanien ab und konzentrierten sich stattdessen auf die wirtschaftliche Stärkung. Diese Länder stellen den Großteil der humanitären Hilfe und der Entwicklungsgelder für die geflüchteten Menschen bereit, die an internationale Organisationen gehen, die vor Ort tätig sind. Die Abkehr von den Hilfsbemühungen bedeutet, dass nicht sofort Mittel für eine schnelle und rechtzeitige Nothilfe zur Verfügung stehen. Unter den gegenwärtigen Umständen sind wirtschaftliche Programme für Geflüchtete bestenfalls überflüssig und die Ausbildung von Berufskenntnissen sicherlich noch eine ganze Weile nicht möglich.

 

Wir stellen vermehrt fest, dass die Grundbedürfnisse in den von uns betreuten Bevölkerungsgruppen in einer Finanzierungssituation, die die humanitäre Flüchtlingshilfe in Jordanien völlig aufgegeben hat, exponentiell wachsen. CRP ist eine der wenigen internationalen Organisationen, die noch Nothilfe für geflüchtete Menschen anbieten, und dennoch mussten wir unser Programm aufgrund dieser Finanzierungstendenzen im Januar 2020 um 50 Prozent kürzen. Wir sind auf einzelne Spender*innen angewiesen, um dieses Programm am Laufen zu halten, aber selbst, wenn wir Mittel finden, um das Programm zu 50 Prozent zu betreiben, sind wir jetzt durch die Anforderungen unserer neuen globalen Krise bedroht.

 

In nächster Zeit setzen wir uns gemeinsam mit anderen internationalen Organisationen dafür ein, dass NGOs, die sich für Geflüchtete einsetzen, in den COVID-19-Reaktionsplan der jordanischen Regierung aufgenommen werden. Gegenwärtig ist die Regierung bei der Kommunikation mit der Öffentlichkeit besonders transparent und proaktiv, indem sie täglich aktuelle Informationen und einen umfassenden Ansatz zur Bekämpfung der Ausbreitung des Virus zur Verfügung stellt. Die Bemühungen zur Unterstützung und Ausweitung der Hilfe für Jordanier*innen, die über den Nationalen Hilfsfonds ermittelt wurden, sind im Gange, doch die Versorgung von Geflüchteten ist noch nicht angegangen worden. Internationale Organisationen wie CRP und andere mit nationaler Reichweite spielen dabei eine unschätzbare Rolle. Da der Autoverkehr vor Ort und in den Regierungsbezirken ohne Genehmigung strengstens verboten ist und noch keine Genehmigungen für die Durchführung von Hilfsmaßnahmen vorliegen, ist es ein unmittelbares Ziel von der Regierung grünes Licht für die Durchführung und Ausweitung der Hilfsmaßnahmen zu erhalten.

 

Nachdem die landesweite Abriegelung gelockert wurden, haben wir in der vergangenen Woche einen starken Andrang auf den Märkten erlebt, was eine weitere Besorgnis hervorruft. Die Nachbarschaft von Hashemi Shamali, in der die Mehrheit der von CRP versorgten Menschen lebt, ist zu einem COVID-19-Hotspot geworden, und ein Teil der Nachbarschaft ist weiterhin vollständig abgeriegelt. Wir sind besorgt über die Ausbreitung des Virus im gesamten Gebiet und über eine größere Abriegelung, da Angst und Panik die Menschen davon abhalten, einen angemessenen Abstand einzuhalten. Unsere Mitarbeiter*innen arbeiten hart daran, in unserer Gemeinde das Bewusstsein für die dringende Notwendigkeit des „Social Distancing“ in der Öffentlichkeit zu schärfen und täglich Telefongespräche zu führen, um die Menschen zu unterstützen.

 

In der Zeit der Abriegelung gab es jedoch auch Erfolge. Unsere beiden Gemeindezentren führen über 60 Programme durch, um geflüchtete Menschen und Jordanier*innen zu unterstützen, soziale Kontakte aufzubauen, Fähigkeiten zu erlernen und belastbar zu werden. Und obwohl die Zentren seit einigen Wochen geschlossen sind, war es umso erfreulicher, die große Beteiligung an unseren Online-Kursen zu sehen, auf die die Menschen über ihre Telefone zugreifen. Die Leute in unserem beliebten Kunstunterricht verbringen jetzt dreimal so viel Zeit damit, online Zeichentechniken von ihrem irakischen freiwilligen Lehrer zu lernen. Außerdem hat sich die Klassengröße verdoppelt, da die Schüler*innen ihre Freund*innen eingeladen haben, sich anzuschließen. Elterngruppen tauchen auf, um miteinander und mit ihren Vorschul- und Grundschulkindern zu diskutieren und sich gegenseitig zu unterstützen.

 

Die Sorgen, die wir in unserer Gemeinde haben, bestärkt mich darin, diese kritische und herausfordernde Situation weiterhin zu meistern. Ich konzentriere mich weiterhin darauf, wie wir den Menschen Lebensmittel auf den Tisch bringen und den Familien die Unterstützung geben können, die sie brauchen, und hoffe gleichzeitig, dass wir in den kommenden Wochen keine weiteren Kürzungen vornehmen müssen.“

 

Dieser Text erschien zuerst auf Englisch in: Voices from the Middle East: Providing Urgent Aid to Refugees in Amman, Jordan. Amanda Lane 04.8.2020